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Wenn Musik eine Farbe wäre

Der Kindernachmittag neigte gestern dem Ende zu als die Sonne unseren Köpfen einen letzten heißen Kuss gab. Eine gewisse Erleichterung schwappte über mich, daß das ausverkaufte Zirkuszelt für den Galaabend vielleicht doch nicht so stickig sein würde. Der Festplatz summte mit einem besonderen Ton der Erwartung und Vorfreude auf die weltberühmten Künstler Giora Feidman und Mischa Maisky, die am Abend spielen sollten. Im Rahmen der Veranstaltung würde Giora seinen 80. Geburtstag feiern während Mischa, der das fünfte Mal auf dem ZMF als Weltklasse-Cellist spielen wollte, als ZMF-Preisträger gekrönt werden sollte.

Das ZMF bietet oft die Möglichkeit, unsere Muskeln der Spontanität anzuspannen. Musiker, Veranstalter und ja, sogar Blogger, können einen schnellen Kurswechsel einleiten, wenn es sein muss.

Als ich mir im Mitarbeiterbereich etwas zu trinken holten wollte, stand in der Nähe auf einmal Mischa Maisky mit seinem Hund und seiner Familie vor der Kamera vom Festivalfotografen Klaus Polkowski. Ob ich ihm nicht eine Frage stellen wollte? Also durchsuchte ich meinen mentalen Fragenkatalog, um einen passenden Satz für den Moment zu finden.

„Wenn Ihre Musik eine Farbe wäre, welche würde sie sein?“ wollte ich wissen.

„Blau,“ sagte Mischa während Klaus weiter knipste. Warum? Weil er die Farbe mag. Ausserdem hat Blau viele Schattierungen. Es kann traurig sein, aber auch fröhlich wie der gutmütige Himmel, der gerade über uns stand.

Kaum habe ich mich von dem magischen Moment mit Mischa erholt, so wurde es schon Zeit, mich auf den Weg zu machen, um das Geburtstagskind und Klarinettisten Giora zu finden. Der Backstagebereich platzte vor lauter Instrumenten und Musiker und das Summen wurde in meinem Kopf etwas lauter. Glücklicherweise erlaubte mir sein Manager einen Moment mit Giora. Ich stellte ihm die gleiche Frage wie Mischa.

Giora betrachtet die Farbe seiner Musik wie eine Rose. Je nach Lichtverhältnis hat es einen anderen Ton, wie unsere Launen selbst. Morgens sieht sie so aus, nachts natürlich anders.

So weit so gut. Aber was meinte er mit dem Satz in dem Film „Jenseits der Stille“ von Charlotte Link, „Höre auf das Lied im Inneren“? Wenn man seine Musik erlebt, dann spürt man die Wahrheit seiner Klänge auf einer molekularen Ebene. Könnte man die Bedeutung dahinter jedoch in Worte fassen?

Seine Augen funkelten als er mich anlächelte.  „Kunst,“ sagte er, „ist die Sprache der Seele. Unsere innere Stimme spricht mit uns, aber wie oft hören wir hin?“

Genau das ist es! Das ist das Geheimnis, nach dem ich gesucht habe. Die Musik berührt unsere Seelen und lädt sie zum Tanzen ein.

Wir redeten über die Weltprobleme, die dank des Rund-um-die-Uhr-Nachrichtenzyklus nicht aufzuhören scheinen. Heutzutage fühlen sich die Menschen von einander getrennt, meinte Giora. Diese Trennung führt zu Gewalt.

Aber die Musik! Die soll uns retten können, oder nicht?

Laut Giora ist die Musik unsere geistige Nahrung, die uns am Leben erhält. Die Musik leitet und begleitet uns zu einem besseren Verständnis für Andere und für uns selbst.

Als das Heim und Flucht Orchester mit Mitgliedern aus verschiedenen Ländern der Welt gestern Abend bewiesen hat, können wir ein gutes Miteinander finden. Die Musik, so Giora, ist ein Weg dahin.

Am Ende des grandiosen Abends fügte Giora auf der Bühne noch etwas dazu.

„Dieser Ort hat eine besondere Energie. Mischa und ich reisen durch die ganze Welt. Aber Freiburg. Ja Freiburg. Diese Stadt hat was.“

Mittlerweile habe ich es begriffen warum.

Das ZMF, lieber Giora. Das ist es.


 Christine_Hohlbaum_2016 Christine Hohlbaum ist eine in New York geborene und in Freiburg lebende Buchautorin und PR-Beraterin, die schon als Elfjährige wußte, daß sie eines Tages schreiben wollte.

http://www.butterflypr.de

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