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Ein Kater namens Fritz

Die Sturmböen fegten über das Gelände und rissen die noch offenen Zeltplanen in die Höhe. Das Zeltpersonal reagierte sofort und sicherte die Öffnungen, damit der Regen draußen bleiben konnte. Helge Schneider spielte spontan ein Lied über Freiburg. „Es regnet. Scheinbar hat jemand hier nicht aufgegessen.“ Sein Humor tat gut, denn die Wände wackelten. Urplötzlich war das Unwetter und Helges Auftritt vorbei. 
Helge Schneider wurde durch seine 1993 veröffentlichte Hitsingle Katzenklo bundesweit bekannt als er das Lied ein Jahr später bei der Sendung Wetten, dass..? gesungen hat. Das Lied geht um seinen Kater Fritz, der leider schon vor Jahren gestorben ist. Kurz vor seinem Auftritt wollte ich wissen, was Musik für ihn bedeutet.
„Alles. Es ist mein Leben.“
Der Autodidakt spielt sämtliche Instrumente. Gerne blickt er auf den Moment zurück, als er sein Saxophon mit 800 DM in der Tasche gekauft hat. „Ich konnte das Instrument noch nicht spielen. Also habe ich es mir selber beigebracht.“ Obwohl er Klavier- und Cellounterricht nahm, hat er andere Instrumente in sein Repertoire aufgenommen, weil es ihn schlicht und einfach interessierte. Jahre lang verbrachte er seine Freizeit im Stehcafé Eduscho, um die Menschen und deren Eigenheiten zu beobachten. Auf der Bühne erlebt man die Auswirkung seiner Auffassungsgabe. Köstliche Lächerlichkeit spielt er uns vor. Aus dem scheinbaren Nichts macht er einen Witz nach dem anderen.

Das Publikum hungerte nach mehr Spaß, jedoch war der schon um 21Uhr30 vorbei. Der Regen ließ nach, während die Zirkuszeltcrew die Bühne schon abbaute. Zahlreiche Pfützen hatten sich auf dem Kiesboden geformt. Weil der Abend noch so jung war, schaute ich Richtung Spiegelzelt, in dem sich eine taumelnde Masse von Balkan Brass Liebhabern gesammelt hatte. Fanfare Ciocârlia aus Rumänien spielte ihre lebensfreudigen Nummern vor einem beinahe ausverkauften Publikum ohne Pause für zwei Stunden.

Vor ihrem Auftritt habe ich die schwarzgekleidete Truppe beim Catering beobachtet. Ausgehungert von der langen Reise aus Frankreich, wo sie bei einem großen Festival in Tours gespielt hatten, stürmten die zwölf Bandmitglieder die Essenstheke. Sie wirkten etwas unscheinbar auf mich bis ich das Spiegelzelt betrat. Allein die Energie vom Trommler Benedikt Stehle aus Berlin riss mich mit. Umgerechnet 700 Menschen tanzen jeweils ihre 600 Kalorien in den zwei Stunden ab. Zum krönenden Abschluss zog die gesamte Band mit einer traditionellen Bakshish Performance durch das Publikum, in der sie Geld sammelten und das Leben weiter feierte. 
„Wir spielen Musik aus dem ganzen Herzen für die Herzen der Menschen“, sagte Benedikt in einem kurzen Aftershow-Gespräch. Es war ein Abend der Autodidakten, denn auch Benedikt hat sich das Trommeln mit neuen Jahren beigebracht. Mit 22 hat er zwei Stipendien für ein Studium bei der Berklee College of Music in Boston und der LA Music Academy bekommen. Dort lernte er erst die Technik, die ihn bis heute zum unglaublichen Ausnahmetalent auf der Bühne macht. Nach einem kurzen Aufenthalt in Stuttgart für zwei Shows reisen sie ins Heimatland der restlichen Bandmitglieder: Rumänien. Am 1. August sind sie wieder in Deutschland: dieses Mal rocken sie das Publikum in Wolfach auf einem Bauernhof, um jenseits der großen internationalen Bühnen ein typisches rumänisches Fest im tiefsten Schwarzwald zu feiern.
Wer Fanfare Ciocârlia noch nicht gesehen hat soll die 600 Kalorien opfern. Es lohnt sich allemal!

 


 Christine_Hohlbaum_2016 Christine Hohlbaum ist eine in New York geborene und in Freiburg lebende Buchautorin und PR-Beraterin, die schon als Elfjährige wußte, daß sie eines Tages schreiben wollte.

http://www.butterflypr.de

 

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