Geschrieben am

„Das Sprachrohr unserer Verwirrung: Michael Mittermeier“

Terroralarm. Tweetstorms. Taumelnde Staatsoberhäupter.

Mit nur einem Blick auf die Weltlage könnte uns das Lachen schnell vergehen. Gerade in solchen Momenten ist die Komik gefragt, um uns eine gewisse Erleichterung des Dauerstresses zu gönnen. Wenn alles zu viel wird, bleibt uns nichts anderes übrig als Gewalt oder Grinsen. Das Letztere hält eher nach.

In schwierigen Zeiten muss man einfach lauthals lachen dürfen: über das Absurde, das Ungerechte, das Ungeklärte und das Unsichere. Machtlosigkeitsgefühle werden durch die vom Lachen ausgelöste Entlastung ersetzt.

Am Mittwoch kam dann die langersehnte Gelegenheit auf dem ZMF-Gelände, dem Unsinnigen einen Sinn zu geben. Michael Mittermeier, der deutsche Komiker aus Bayern, hat uns auf seine spezielle Art und Weise auf die Schippe genommen. Als er von seiner Dreiländer-Verwirrung bei der Ankunft am Basler Flughafen erzählte, wußte das Publikum seinen regionalen Bezug zu schätzen.

„War ich in der Schweiz, Frankreich oder Deutschland?“ witzelte er. Die Wegbeschreibung hat ihn auf die Spur gebracht. Links Schweiz. Rechts Frankreich. Da bleibt doch die Frage: Ist also Deutschland geradeaus?

Er versteht uns. Sogar die negative Reaktion des Publikums auf seine Geschichte mit der selbstgewählten Plastiktüte hätte einen weniger erfahrenen Entertainer etwas verunsichert. Ohne aus dem Takt zu geraten stellte er die Regeln fest.

„Also Freiburg, jetzt geht’s los. Okay, Ihr seid einfach auf der anderen Seite dieser Geschichte. Passt mal auf.“ Gelacht haben wir trotz unserer nachhaltigen Überzeugungen.

Politische Korrektheit hatte keinen Platz an dem Abend. Auch seine gewagten Sprüche (Ein Gefährde = Terrorazubi; ein Nazi auf Jihad = Jihazi; wir sind luxusverseuchte Zivilisationsdegradierte; sind Türken da heute Abend?) erlauben einen gewissen Freiraum, um in einen Dialog zu treten. Diverse Einstellungen und Meinungen prägen die Zivilgesellschaft.

Auf meine Frage, ob wir nicht gerade heutzutage Komiker mehr denn je brauchen, sagte er: „Komiker brauchen wir immer.“

Durch sein Magisterstudium in Politologie und Amerikanistik hat sich Michael lange mit amerikanischer Komödie beschäftigt. Am meisten beeinflusst hat ihn Lenny Bruce, ein US-Komiker aus den 50er Jahren, der schon damals eine oft vulgäre Wortwahl getroffen hat. Die Komiker John Oliver, Stephen Colbert und Trevor Noah stehen auch hoch auf seiner aktuellen Liste von Top-Satirikern.

Eine Auszeit hat sich Michael in New York für sechs Monate genommen. Er wollte eigentlich nicht arbeiten, aber sein innerer Komiker ließ ihn nicht in Ruhe.

„Es liegt in meinem Blut. Es ist meine Berufung.“ Also wagte er es tatsächlich, auf einer New Yorker Bühne auf Englisch aufzutreten. „In einer Fremdsprache komisch zu sein ist nicht leicht“, gab er zu.

Nach seiner grandiosen Performance auf dem ZMF kam der Bayer noch einmal auf die Bühne, um eine letzte, diesmal ernsthafte Botschaft zu hinterlassen.

„Es ist okay, dass wir anderer Meinung sind. Es ist gut so. Das müssen wir aushalten. Solange wir uns nicht gegenseitig weh tun“.

Seine Durchlaucht der Komik durchleuchtete unser eigenes Durchdrehen. Miteinander zu kommunizieren – egal in welcher Sprache – soll nie aufhören. Hoffentlich wird auch Michael ganz lange noch das Sprachrohr unserer Verwirrung sein.


 Christine_Hohlbaum_2016 Christine Hohlbaum ist eine in New York geborene und in Freiburg lebende Buchautorin und PR-Beraterin, die schon als Elfjährige wußte, daß sie eines Tages schreiben wollte.

http://www.butterflypr.de

 

Mercedes - Sponsor des Zelt Musik Festivals in Freiburg Fürstenberger - Sponsor des Zelt Musik Festivals in Freiburg SWR1 - Sponsor des Zelt Musik Festivals in Freiburg